Aktualisiert am 18. Juni 2020 von Ömer Bekar

Im Berufsalltag müssen Polizisten verschiedenen emotionalen Belastungen standhalten. Welche Faktoren besonders ins Gewicht fallen, hat das Institut DGB-Index Gute Arbeit ausgewertet.

Ein besonderes Kennzeichen des Polizeiberufs ist die enge Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Polizisten treffen bei Einsätzen auf die unterschiedlichsten Personen in allen nur erdenklichen Situationen. Sie interagieren mit Bürgern, Kollegen, Vorgesetzten und anderen Stellen und führen personenbezogene Tätigkeiten durch. Eine professionelle Kommunikation, ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen und ein angemessener Umgang mit Konfliktsituationen sind deshalb wichtige Kernkompetenzen. Außerdem müssen Polizisten lernen, mit emotional belastenden Situationen umzugehen und diese zu bewältigen. Dabei sind Polizeivollzugsbeamte besonderen emotionalen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung des DGB-Index Gute Arbeit.

Im Berufsalltag kommt es oft zu Konfliktsituationen

Befragt nach der Häufigkeit von Kundenkontakten im Berufsalltag, erklärten über 80 Prozent der befragten Polizisten, dass der Kontakt zu Kunden oder Klienten oft oder sehr oft Teil ihrer Arbeit ist. Damit ist die Interaktion mit Personen, die Außenstehende sind und nicht der Polizei angehören, ein wesentliches Merkmal der Polizeiarbeit. Im Vergleich dazu lag der Anteil bei allen Beschäftigen, die häufig oder sehr oft Kundenkontakt haben, bei 66 Prozent.

Dabei bringt die Zusammenarbeit der Polizisten mit den Kunden oder Klienten vergleichsweise oft auch schwierige Situationen mit sich. Dies zeigt die Frage, wie oft es bei der Polizeiarbeit zu Konfliktsituationen kommt. Über die Hälfte der befragten Polizisten erklärte, dass im Berufsalltag oft oder sogar sehr oft Konfliktsituationen auftreten. Damit ist dieser Wert gut viermal höher als der Durchschnittswert aller Beschäftigen. Generell müssen Beschäftigte im öffentlichen Dienst Konflikte mit Kunden oder Klienten häufiger aushalten. Auch Lehrer sehen sich oft Konflikten mit Personen, mit denen sie im Arbeitsalltag Kontakt haben und die nicht zum Kollegenkreis gehören, ausgesetzt. Doch Polizisten erreichen hier den mit Abstand höchsten Wert.

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Oft fehlt es an Respekt gegenüber Polizisten

Ein weiterer Belastungsfaktor ist die fehlende Wertschätzung, die durch eine respektlose Behandlung zum Ausdruck kommt. Ein wertschätzender und respektvoller Umgang mit der eigenen Person, der Arbeit und den erbrachten Leistungen gehört für Arbeitnehmer zu den wichtigsten Punkten in ihrem Arbeitsumfeld. Die Frage, wie oft sie im Dienst ein respektloses Verhalten erfahren, herablassend behandelt werden oder Anfeindungen ausgesetzt sind, beantworteten 22 Prozent der befragten Polizisten mit oft oder sehr oft. Fast jeder vierte Polizist vermisst somit die Wertschätzung seiner Arbeit. Dieser Wert ist mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Von allen Beschäftigten gaben nur zehn Prozent an, dass sie sich oft oder sehr oft respektlos behandelt fühlen.

Fehlenden Respekt im Arbeitsalltag beklagten die befragten Polizisten jedoch nicht nur mit Blick auf die Kunden oder Klienten. Bürger, mit denen die Polizisten bei Einsätzen und im Dienst interagieren, bilden zwar mit über 80 Prozent die mit Abstand größte Gruppe. Doch auch Kollegen, Vorgesetzte und andere Personengruppen wurden als Ausgangspunkt von herablassender Behandlung genannt. Bei dieser Frage waren allerdings Mehrfachnennungen möglich.

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Polizisten müssen ihre Emotionen kontrollieren

Ein Tätigkeitsaspekt, der im Polizeiberuf eine sehr große Bedeutung hat, ist die sogenannte Emotionsarbeit. Hinter der Emotionsarbeit verbirgt sich die Anforderung, im Polizeidienst bestimmte Gefühle zu zeigen und andere, unangemessene oder unerwünschte Gefühle gerade nicht offen zu zeigen. Auch die Emotionsarbeit ist ein Belastungsfaktor, der Polizisten überdurchschnittlich oft betrifft. Von allen Beschäftigten gaben rund 30 Prozent an, dass sie ihre Gefühle im Arbeitsalltag oft oder sehr oft unterdrücken und verbergen müssen. Bei den befragten Polizisten war dieser Wert mit 67 Prozent mehr als doppelt so hoch.

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Hohe emotionale Belastung erhöht das Gesundheitsrisiko

Wirklich verwunderlich sind die Ergebnisse der Studie nicht. Zweifelsohne ist die Tätigkeit als Polizist spannend, abwechslungsreich und vielseitig. Doch der Polizeiberuf ist genauso ein sehr anspruchsvoller Beruf, der hohe Anforderungen an den Körper und die Psyche stellt. Polizisten sind für die Sicherheit und die Bekämpfung von Kriminalität zuständig. Dabei werden sie üblicherweise dann zu Hilfe gerufen, wenn die Betroffenen Hilfe brauchen. Doch gerade in solchen Situationen werden Polizisten nicht selten mit Umständen und Schicksalen konfrontiert, die schwierig sind und an die Nieren gehen. Und längst nicht jeder Tatverdächtige ist erfreut, wenn die Polizei auftaucht. Anfeindungen, Provokationen und Pöbeleien sind leider auch trauriger Bestandteil des Polizeialltags.

Die Studie zeigt, dass die intensive Zusammenarbeit mit Menschen und die Aufgaben des Polizeiberufs große Herausforderungen auf emotionaler Ebene mit sich bringen. Dabei sind Konfliktsituationen, respektloses Verhalten und psychische Anforderungen Belastungsfaktoren, die auch die gesundheitlichen Risiken erhöhen. Ein aktueller Bericht der Bundesagentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weist darauf hin, dass hohe emotionale Belastungen im Berufsalltag die Zufriedenheit mit der Arbeit verringern, häufiger zu Erschöpfungszuständen führen und psychische Erkrankungen begünstigen können. Eine gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung muss den Besonderheiten des Polizeiberufs Rechnung tragen. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung, die gesetzlich vorgeschrieben ist, schafft hierfür eine gute Basis. Mögliche Lösungsansätze könnten präventive Maßnahmen wie Qualifizierungsmöglichkeiten zum Umgang mit belastenden Situationen, psychosoziale Unterstützungsangebote und ein reger Erfahrungsaustausch der Kollegen sein. Außerdem sollte die Polizei personell so ausgestattet werden, dass angemessene Pausen- und Erholungszeiten sichergestellt und eine Überlastung der Polizeivollzugsbeamten verhindert werden kann.

Hinweise zur Durchführung der Studie

Für die Auswertung wurden die Ergebnisse von repräsentativen Beschäftigtenbefragungen aus den Jahren 2012 bis 2016 zugrunde gelegt. Befragt wurden insgesamt 31.164 Beschäftigte in ganz Deutschland. Der Querschnitt der befragten Arbeitnehmer deckt alle Branchen, Altersgruppen, Einkommensklassen, Betriebsgrößen und Beschäftigungsverhältnisse ab. Lediglich Auszubildende wurden nicht befragt. Die Gruppe der befragten Polizisten bestand aus 202 Beamten, überwiegend aus dem Polizeivollzugsdienst. 15 Prozent der Polizisten waren Frauen.

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Der DGB-Index Gute Arbeit ermittelt die Qualität der Arbeitsbedingungen. Dazu werden alljährlich zufällig ausgewählte Arbeitnehmer mit einer Wochenarbeitszeit von mindestens zehn Stunden stichprobenartig am Telefon zur Belastungssituation, zum Einkommen und zur Ausstattung mit Ressourcen an ihrem Arbeitsplatz befragt.